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Okt 08

Wofür es sich zu leben lohnt!

„Wir sind grosse Narren! „Er hat sein Leben
in Müssiggang hingebracht“, sagen wir, „heute habe ich
nichts getan“. Wie das? Haben wir nicht gelebt?
Das ist nicht nur die grundlegendste, sondern 
auch unsere vornehmste Tätigkeit.“

Montaigne (1996:113)

mojito leuchtdiodeRobert Pfaller, Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien, hat eine „Hymne an das Leben“ geschrieben. Hedonismus ist seiner Argumentation zufolge nicht länger eine Lebenseinstellung, die eine schwer arbeitende Nachkriegsgeneration, die Anhänger des Calvinismus und der protestantischen Ethik als ein Konzept fauler Schmarotzer beschimpften dürfen, sondern eine moderne politische Haltung, die sich als alternatives Konzept durchzusetzen vermag, zumal paradoxerweise „Konsum“ selbst ja fast schon zum Heilsbringer unseres unrettbaren Wirtschaftssystems mutiert.

Viel zu schnell rufen wir vermeintlich „abgebrühte Hedonisten“ der Gegenwart nämlich in Wirklichkeit nach Verboten und Regulierungen, sei es beim Alkoholgenuss, Rauchen, Sex, beim Fluchen oder sogar beim angeblich „politisch unkorrekten“ herzhaften Lachen. Wir gönnen uns nichts mehr, alles ist „light“, kein Bier vor vier, aus positiven, gesundheitsbewussten Veganern werden leider allzuoft zähneknirschende, unzufriedene „Veganisten“ (ich meine damit ausdrücklich NICHT die anwachsende Schar von zufriedenen, gesunden, freundlichen Menschen, die diese Kostform durch und durch für sich gefunden haben!). Wir sind maßlos in unserem schiefen Verhältnis von Arbeit und Spiel. Wir nehmen uns Zeit für die falschen Dinge und wir verziehen unzufrieden unsere Gesichter ob des selbst gewähltem asketischen Verzichts. Die reichsten Bevölkerungen haben es schlicht und ergreifend verlernt, sich zu fragen, wofür es sich eigentlich zu leben lohnt.

Pfaller bricht eine Lanze für all jene „Gescheiterten“, die nach der immer noch vorherrschenden Meinung aus der „gutbürgerlichen Gesellschaft“ herausfallen, jene, die auf der Karriereleiter stagnieren oder sogar abstürzen. Und er macht jenen Menschen Mut, die dies sogar absichtlich herbeiführen, die „Scheitern als Chance“ sehen, die sich wieder Zeit für Dinge nehmen, die im Main-Strom immer noch verpönt sind, weil sie beispielsweise als „unproduktiv“ gelten. Spielen, Lachen, Geniessen. Zeit für Kinder, Sonne. „Sitting on the dock of the bay, wasting time“.

Ein Lesevergnügen für alle Menschen, die wieder leben um lebendig zu sein, und nicht nur um zu arbeiten und es anderen recht zu machen. Ich schreibe diese kurze Revision, um die Botschaft von Pfaller und anderen ähnlich gestrickten Pappenheimern fröhlich zu verbreiten. In der Hoffnung, mehr Menschen die Idee nahe zu bringen, dass es ganz und gar kein hinreichender Daseinszweck ist, zu arbeiten, um sich ein bequemes Konsumleben ohne Existenzängste zu leisten. Es geht in Wirklichkeit um so viel mehr.

Klar, eine Vielzahl von Menschen hält diesen Ansatz mindestens für weltfremd, eher sogar werden sie böse, schimpfen auf die „Schmarotzer“, und nicht selten wird man sogar verfolgt und angegriffen, wenn man solche Ideen verbreitet. Man gat es nicht leicht dieser Tage als freundlicher Vertreter einer einfacheren, aber tiefer genussvolleren Lebenskunst. Denn dadurch, durch die, die möglicherweise nicht mehr 50 Jahre in die Rentenkassen einzahlen und die lieber auf Geld und Karriere verzichten, dafür aber mehr Zeit fürs Wesentliche erhalten, wird ja unser „System“ unterwandert und infrage gestellt. Man muss „uns“ also bekämpfen, in die Schranken weisen… . Aber, liebe Kritiker, liebe Philister und Tänzer ums goldene Kalb: Schaut euch doch mal um, und begreift, dass unser System über Leichen geht. Dass unsere Umwelt, die Psyche eines Grossteiles der Bevölkerung, und unser zwischenmenschliches Miteinander unter den derzeit noch vorherrschenden Gedanken- und Aktionsmustern kräftig leidet. Dass Liebe, Spontanität, Mitgefühl, Lebensfreude derart leiden, und sich an diesem Elend doch nur eine Minderheit kräftig bereichert. Meint ihr, die ihr da so schimpft auf diejenigen, die neue Spielregeln erfinden, dass es sich wirklich lohnt, so weiterzumachen wie bisher?

 

Robert Pfaller, „Wofür es sich zu leben lohnt“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2011

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