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Okt 14

Der „Leuchtaugen-Index“

resonanz leuchtaugenÜber Resonanz.

Resonanz heißt in der Akustik, dass zwei schwingungsfähige Körper miteinander in Beziehung treten. „Die Körper bleiben unabhängig, sie sprechen sozusagen mit eigener Stimme und fangen an, aufeinander zu antworten. Sie sind hinreichend offen, um sich berühren zu lassen von den Klangwellen, die vom anderen ausgehen, aber gleichzeitig geschlossen genug, um selber tönen zu können.“ Das schreibt Hartmut Rosa, Autor des  Buches „Resonanz, eine Soziologie der Weltbeziehung“. Er sagt: „Resonanz ist ein menschliches Grundbedürfnis und eine Grundfähigkeit.“

Resonanz.
Der Stoff, aus dem das erfüllende Miteinander ist? Nach Hartmut Rosas Empfinden auf jeden Fall. Fehlende Resonanz im alltäglichen Leben erklärt Depressionen, Kummer, Ängste, Süchte, Vereinsamung, Beziehungsunfähigkeit. Hartmut Rosas Buch über die Resonanz ist ein Appell an gemeinsames Schwingen, an den Draht, den man zur Welt, zu anderen Menschen und letztlich zu sich selbst aufbauen kann, aufbauen sollte.

Als Maßeinheit für Resonanz im Leben eines Individuums schlägt der Autor, nur halb im Scherz, das „Leuchten der Augen“ vor. In der Tat ist es ja kein abgehobener Firlefanz, wenn ein Mensch davon spricht, dass eine andere Person, ein Ding, eine Arbeit, eine Idee seine Augen zum Leuchten gebracht habe. Hier geht es um Körperspannung, Hormonausschüttungen und deren sichtbares Zeichen. Enthusiasmus in den Augen.

Die meisten Menschen sind resonanzhungrig. Möchten in Schwingung geraten. Dafür sind sie bereit, Leistung zu zeigen. Dafür werden sie kreativ, erfinderisch, wachsen über sich hinaus. Das Grundbedürfnis nach Resonanz, nach Selbstbestätigung und danach, etwas Erfüllendes zu tun ist ein Auslöser dafür, dass sich so viele Menschen an ihrem Arbeitsplatz ohne wirklich substanzielles Miteinander nicht wohl fühlen, auf Dauer ausbrennen, erkalten, grau und starr werden. Da schwingt nichts mehr, da leuchten keine Augen. Denn viel zu häufig arbeiten sie dort nur, um gezwungemermaßen Geld zu verdienen, nicht jedoch um sich selbst zu verwirklichen. Ob das, für körperliche und seelische Gesundheit, und damit natürlich auch für unsere Solidargemeinschaft auf Dauer gesund ist? Aus diesem für den Menschen essentiellen Bedürfnis nach Resonanz auch am Arbeitsplatz leitet Hartmut Rosa die Sinnhaftigkeit eines „bedingungslosen Grundeinkommens“ ab, das gewährleisten könnte, dass Menschen sich ohne den Zwang zur Ausübung sinnentleerter Tätigkeiten substanziell in das Miteinander zum Wohle Aller einbringen. Die Lust auf Resonanz ist ein wesentlich stimmigerer Antrieb zu Höchstleistungen als die reine Existenzsicherung ohne tieferen Inhalt.

Resonanz ist die Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet. Und die in jedem Menschen angelegt ist, weil wir Beziehungsmenschen sind. Wenn diese Sehnsucht eingelöst wird, weil jemand aufgeht in einem bestimmten Bereich, führt er ein gelungenes Leben. (Hartmut Rosa)

Auch in unsere Beziehungswelt passt die Metapher von den Stimmgabeln herrlich hinein: „Offen, sich berühren zu lassen und gleichzeitig geschlossen genug, um selbst zu tönen“. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein, haben doch viele Menschen kaum Feingefühl für eine Zweisamkeit, da sie ihrem Grundlevel an leuchtenden Augen tagtäglich hinterherhecheln und dabei nicht wirklich in die Schwingungsfrequenz kommen, die ein Miteinander benötigt. Dabei kann zwischenmenschliche Anerkennung so viel zur seelischen Gesundheit des Menschen beitragen!

Hartmut Rosa, „Resonanz, eine Soziologie der Weltbeziehung“, Suhrkamp Verlag, März 2016

Gleich 2 Rezensionen des Buches finden sich in ZEIT Online:

  • http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/04/selbstverwirklichung-kreativitaet-resonanz-selbstfindung/seite-2
  • http://www.zeit.de/2016/26/hartmut-rosa-resonanz-sachbuch

Spiegel Online veröffentlicht ein Interview mit dem Autor:

  • http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/resonanz-statt-beschleunigung-hartmut-rosas-gegenentwurf-a-1082402.html

UPDATE:
Für sein Buch über Resonanz wurde Hartmut Rosa mit dem Tractatus-Essaypreis ausgezeichnet (September 2016).
In der Begründung schreibt die Jury u.A.: „Seine immer anregenden, originellen, die Fachsprache nicht meidenden, aber den Fachjargon ausblendenden Studien bieten Stoff in Hülle und Fülle, wie wir unter den modernen Bedingungen leben wollen. Ein Buch für alle und jeden.“
Als Auszeichnung für Wissenschaftsprosa und philosophische Essayistik wurde der Tractatus 2009 vom Verein Philosophicum Lech ins Leben gerufen und erlangte in den vergangenen Jahren großes Renommee. »Zu den Auswahlkriterien der Jury zählen solche Aspekte wie zentrale Themen der Zeit zu analysieren, neue Perspektiven zu entwerfen sowie weiterführende und diskussionswürdige Deutungen der Krisen und Konflikte der Gegenwart zu bieten«, erklärt Konrad Paul Liessmann, der wissenschaftliche Leiter des Philosophicum Lech.

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  1. Venus meets Mars 2.0 » leucht-dio.de

    […] sehnen wir uns doch genauso nach Streicheleinheiten für Körper, Geist und Seele. Nach Resonanz, Anerkennung, Liebe auch außerhalb der Bettpfosten und des Küchentisches. Gut, reden wir drüber. […]

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